Gefäße
Landschaften des Inneren
Köpfe begleiten meine Arbeit seit den späten 1990er Jahren. Ihre Anfänge liegen in einer längeren Zeichenarbeit in der Antikenabteilung des Museums für Kunst und Gewerbe in Hamburg. Besonders die römischen Porträtköpfe zogen mich an – Gesichter, deren Nasen und Teile der Oberfläche im Lauf der Zeit verloren gegangen waren. Mich interessierten weniger die historischen Personen als die Spuren, die Zeit und Erinnerung in ihnen hinterlassen hatten.
In derselben Zeit entstanden die Bilder der Serie Wanderer unter der Erde. Auch dort tauchten zunehmend Köpfe auf – verborgen, auftauchend, wie Fundstücke aus einer anderen Schicht der Wirklichkeit. Schon damals schien mich die Frage zu beschäftigen, was unter der sichtbaren Oberfläche liegt.
Ein entscheidender Moment folgte im Jahr 2000. Ein Landschaftsbild mit einem Berg stand umgedreht an der Atelierwand. Plötzlich blickte mir aus der Bergform ein Gesicht entgegen. Seitdem begann ich, Köpfe nicht nur als Gegenüber, sondern als Gefäße zu verstehen – als Orte, in denen Erinnerungen, Gedanken, Träume und Erfahrungen aufgehoben sind.
Aus der Beschäftigung mit den Köpfen entwickelte sich später eine Arbeitsweise, die bis heute mein Werk prägt. Beim Zeichnen begann ich, den Kopf tastend zu erkunden und die Bewegung dieser Wahrnehmung in Linien zu übersetzen. Die ersten tastenden Zeichnungen entstanden an Köpfen. Erst später wurden daraus Blindzeichnungen ganzer Körper, aus denen die Serie Atmen der Linien hervorging.
Die Köpfe stehen damit am Beginn einer Entwicklung, die sich durch viele meiner Arbeiten zieht. Die Linie folgt nicht dem Gesehenen, sondern einer Erinnerung, einer Berührung oder einer inneren Vorstellung. Sie sucht weniger nach äußerer Ähnlichkeit als nach einer Spur von Anwesenheit.
In den neueren Arbeiten verbinden sich die Köpfe zunehmend mit Landschaft, Stein und Erinnerung. Manche erscheinen wie geologische Formationen, andere wie Fundstücke aus einem inneren Archiv. Sie sind Gefäße für Erfahrungen, die sich ablagern, verändern und wieder auftauchen können.
So bilden die Köpfe innerhalb meines Werkes keinen Nebenstrang. Sie markieren einen Ausgangspunkt – die Suche nach einer Form für das, was sich dem direkten Blick entzieht.
Foto: Kai Pinnow
Verfügbare Werke aus der Serie: Gefäße
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Selbstbild im Tasten
50 x 40 cm | 2020
Mischtechnik auf Leinwand
"Dieser Kopf wird nicht betrachtet, sondern erinnert. Die Linien suchen keine feste Form. Sie lagern Wahrnehmungen übereinander, bis aus dem Gesicht ein Feld von Möglichkeiten wird. Der Kopf erscheint nicht als Gegenstand, sondern als eine Folge von Zuständen."
(Urs Johannsen)
Gefäß
50 x 40 cm | 2020
Mischtechnik auf Leinwand
"Der Kopf erscheint hier nicht als Porträt, sondern als Denkraum. Die Gesichtszüge treten zurück, während der Schädel sich öffnet wie ein Behälter für Erinnerungen, Wahrnehmungen und innere Bilder. Die Linien über den Augen beschreiben weniger den Blick als die Fragilität des Sehens selbst. Was sichtbar wird, ist ein Kopf im Zustand der Sammlung."
(Urs Johannsen)
Der Träumer
57 x 74 cm | 2024
Kohle, Acryl, Pulp auf Pappe
"Der Träumer zeigt keinen Menschen beim Träumen. Das Bild selbst träumt. Formen verschieben ihre Plätze. Materie wird Erinnerung, Erinnerung wird Körper. Der Kopf liegt nicht in einer Welt. Er scheint in einen Zustand eingetreten zu sein, in dem die Grenzen zwischen innen und außen vorübergehend aufgehoben sind."
(Urs Johannsen)
Gemeinsame Stille
50 x 85 cm Diptychon | 2024
Kohle, Öl auf Leinwand
"Die beiden Köpfe begegnen sich nicht durch den Blick. Keiner schaut den anderen direkt an. Dennoch entsteht zwischen ihnen ein gemeinsamer Raum. Der linke Kopf wirkt aufmerksam und wach, der rechte in sich versunken. Es ist, als würden zwei verschiedene Formen der Wahrnehmung nebeneinander existieren: das Lauschen auf die Welt und das Lauschen nach innen. Die Beziehung entsteht nicht durch Handlung, sondern durch Anwesenheit."
(Urs Johannsen)
Traumrest
65 x 50 cm | 2024
Kohle, Acryl auf Papier
"Dieser Kopf scheint nicht gemalt, sondern erinnert. Seine Konturen halten ihn noch zusammen, während sein Inneres bereits zu verblassen beginnt. Er wirkt wie die Spur eines Menschen, die sich länger hält als dessen Erscheinung. Das Bild erzählt nicht von Identität, sondern von Anwesenheit – einer Anwesenheit, die bereits auf dem Weg ins Verschwinden ist."
(Urs Johannsen)
© 2024 Matthias Oppermann.
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