Malerei als Wahrnehmungsorgan
Malerei ist fĂ¼r mich nicht nur Ausdruck, sondern ein Werkzeug der Wahrnehmung. Das Begreifen findet im Tun statt – in der Bewegung, im Wiederholen, im Ăœbermalen. Bilder entstehen nicht aus einer klaren Vorstellung heraus, sondern entwickeln sich im Prozess als eigenständige Wirklichkeiten.
Meine Landschaftsarbeiten nehmen häufig ihren Ausgang im unmittelbaren Erleben. Ich arbeite plein air oder mit Fotografien, die zunächst einen distanzierten, fast objektiven Blick ermöglichen. Im weiteren Prozess tritt dieser Blick zurĂ¼ck. Körperliche Erfahrung, Erinnerung und Bewegung schreiben sich in das Bild ein. Landschaft wird zu einem Raum, den ich durchwandere – real oder innerlich. Rhythmische Linien, Blindzeichnungen und Ăœberlagerungen verdichten diese Erfahrungen zu komplexen Bildstrukturen.

Die Linie bildet dabei oft den Anfang. Sie entsteht tastend, ohne visuelle Kontrolle, als Spur von Bewegung und Empfindung. Farbe tritt später hinzu als emotionaler Akzent. In einem bestimmten Moment löst sich die Kontrolle: Das Bild beginnt, eigene Forderungen zu stellen. Der Arbeitsprozess wird zu einem Dialog, in dem Entscheidungen nicht mehr geplant, sondern beantwortet werden.

In den figĂ¼rlichen Arbeiten verschiebt sich der Fokus noch stärker vom Sehen zum SpĂ¼ren. Mich interessiert weniger, wie ein Körper aussieht, als wie er sich anfĂ¼hlt. Selbstporträts entstehen, indem ich meinen eigenen Kopf ertaste und ihn blind in vielfachen Ăœberlagerungen zeichne. Auch andere Körper werden nicht beobachtet, sondern innerlich imaginativ erfasst. So entstehen auch Linien, die keinem symbolischen Zweck folgen – viszerale Linien, die unmittelbare Empfindungen, Erinnerungen oder körperliche EindrĂ¼cke ausdrĂ¼cken.

Ich arbeite mit unterschiedlichen Materialien, die sich im Prozess ergänzen. Neben Ă–lfarbe nutze ich zunehmend auch Acryl, da es mir erlaubt, schneller in Schichten zu arbeiten, Ăœberlagerungen aufzubauen und wieder einzugreifen. Acryl eröffnet mir eine grĂ¶ĂŸere Beweglichkeit im Umgang mit Linien, Kreiden und zeichnerischen Elementen und unterstĂ¼tzt das Wechselspiel von Aufbau, Unterbrechung und WeiterfĂ¼hrung.

Die Materialität ist dabei kein technisches Detail, sondern Teil des Denkens im Bild. Schichten werden aufgebaut, Ă¼berdeckt, freigelegt oder ausgelöscht. Linien können sich mit Farbe verbinden oder ihr widersprechen. Der Prozess bleibt offen: Nicht alles wird sichtbar, nicht alles bleibt erhalten. Gerade in diesen Auslassungen und BrĂ¼chen entsteht fĂ¼r mich Bedeutung.

(Fotos: Kay Pinnow, Suse Bohse, Anja Schulz, Birgitte Munk, Meret Oppermann)
© 2024 Matthias Oppermann.
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